Tarifeinigung 2025: Ein fauler Kompromiss mit einem gefährlichen Geschenk

8. April 2025

Nach vier Verhandlungsrunden, einer Schlichtung und zahlreichen Warnstreiks liegt nun eine Einigung im Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst vor. Die ver.di-Bundestarifkommission empfiehlt den Abschluss. Doch was auf den ersten Blick wie ein Erfolg aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein riskanter und sozial unausgewogener Kompromiss. Im Mittelpunkt der Kritik: die „freiwillige“ 42-Stunden-Woche.

Erwartbarer Reallohnverlust und lange Laufzeit

Die Einigung umfasst tabellenwirksame Erhöhungen von 3 % ab April 2025 und 2,8 % ab Mai 2026. Auszubildende sollen je 75 Euro mehr erhalten. Bei einer Laufzeit von 27 Monaten bedeutet das real: kaum ein Ausgleich für die Inflation. Angesichts weltweiter Unsicherheiten, Wirtschaftskonflikte und steigender Lebenshaltungskosten wirkt eine derart lange Laufzeit fahrlässig. Die Reallöhne werden weiter sinken, insbesondere für die unteren Einkommensgruppen.

„Freiwillige“ 42-Stunden-Woche: Ein trojanisches Pferd

Ich arbeite für diese Stadt, aber kann es mir nicht leisten, hier zu wohnen.“ – Diese Aussage von Heiko Sturm (Stadtreinigung Hamburg) bringt es auf den Punkt. Viele Kolleg*innen halten sich finanziell nur noch über Wasser, indem sie regelmäßig Überstunden leisten. Und die Antwort der Arbeitgeberseite? Die Möglichkeit, auf 42 Stunden aufzustocken – „freiwillig“, versteht sich.

Ab dem 1. Januar 2026 soll die „freiwillige“ Zusatzbelastung starten. Der versprochene zusätzliche Urlaubstag? Kommt frühestens ein Jahr später.

Und es bleibt nicht bei 18 Monaten. Die Regelung ist verlängerbar. Solange Beschäftigte sich „bereit erklären“, wird das Modell zur Dauerlösung – ganz ohne strukturelle Entlastung. Neue Stellen? Fehlanzeige.

Die Realität ist:

  • Mehrarbeit wird normalisiert.
  • Wer ablehnt, muss sich erklären – besonders, wenn Kolleg*innen freiwillig „mitziehen“.
  • Die Arbeitgeber kaufen sich mit Zuschlägen aus der Verantwortung – statt Personal zu stärken, soll Mehrarbeit die Lücken stopfen.
  • Das System läuft bereits am Limit – mit wachsender Belastung und sinkender Wertschätzung.

Dass laut ver.di-Vorsitzendem Frank Werneke „klare Grenzen eingezogen“ worden seien und niemand gedrängt werden könne, mag auf dem Papier stimmen. In der Praxis wirken jedoch andere Mechanismen. Die sogenannte „Freiwilligkeit“ endet dort, wo der Druck beginnt – etwa wenn Führungskräfte „freundlich“ fragen oder wenn man als Teamplayer gelten will. Stocken Kolleg*innen auf, wächst der Druck auf alle, es ihnen gleichzutun. Wer ausschert, muss sich erklären. Auch finanzielle Not spielt eine Rolle: Wer auf das zusätzliche Geld angewiesen ist, hat kaum eine echte Wahl. Die Entscheidung wird zur Gratwanderung zwischen ökonomischem Zwang, Gruppendynamik und persönlicher Belastungsgrenze. Die Botschaft dahinter ist klar: Wer kann, soll mehr leisten. Wer nicht will, muss sich rechtfertigen. Siehe: „Du arbeitest zu wenig!“ – Das ist die Haltung der Arbeitgeber

Und was als fairer Aufschlag verkauft wird, ist letztlich nur ein Lockmittel, um strukturelle Personalprobleme zu überdecken. Statt echte Entlastung zu schaffen, setzt man auf Mehrarbeit. Das ist keine Lösung – das ist eine Kapitulation vor dem Reformstau.

Mit Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, in dem die Wochenarbeitszeit anstieg, wurde sie in Deutschland seither kontinuierlich reduziert. Die Richtung war jahrzehntelang klar: Weniger Wochenstunden, mehr Freizeit, bessere Vereinbarkeit von Leben und Arbeit. Seit den 1950er Jahren sank die tariflich vereinbarte Arbeitszeit in vielen Branchen von über 48 auf heute teils 35 Stunden pro Woche – ein historischer Fortschritt, hart erkämpft von Gewerkschaften und Beschäftigten.

Und jetzt? Ausgerechnet im öffentlichen Dienst, unter Beteiligung von ver.di, wird der Weg in die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Ausgerechnet mit Roland Koch als Schlichter – jener Roland Koch, der 2004 für die Einführung der 42-Stunden-Woche bei Beamten warb, um 7.500 Stellen zu streichen. Damalige Hochrechnungen ergaben: im gesamten öffentlichen Dienst könnten durch eine 10-prozentige Arbeitszeitverlängerung bis zu 500.000 Stellen wegfallen.

Heute begleitet eben dieser Roland Koch als Vorsitzender der Schlichtungskommission die Einführung einer „freiwilligen“ 42-Stunden-Regelung. Und diese „Option“ ist alles andere als vorübergehend: Sie gilt bis 2029, Verlängerung möglich. Ein Einstieg durch die Hintertür. Ein Umbruch mit Ansage.

Mit ihrer Zustimmung hat auch die Bundestarifkommission (BTK) eine rote Linie überschritten. Statt klare Kante zu zeigen, hält die BTK lieber am unsozialen Wahlmodell fest – einem Vorschlag der Arbeitgeberseite – sowie an einem zusätzlichen Urlaubstag, der erst ein Jahr später greifen soll. Dieses magere Feigenblatt wurde in die Waagschale geworfen, um im Gegenzug den Weg für eine „freiwillige“ 42-Stunden-Woche zu ebnen. Der Druck auf die Beschäftigten wurde damit nicht abgebaut, sondern weiter zementiert.

Unsozial, unausgewogen, ungerecht: Das Wahlmodell spaltet

Die Erhöhung der Jahressonderzahlung klingt zunächst wie ein Erfolg. Doch die Möglichkeit, diese in freie Tage umzuwandeln, bringt erhebliche soziale Schieflagen mit sich: Wer bislang z. B. nur 60 % der Sonderzahlung erhielt, profitiert doppelt – mehr Geld und zusätzlich die Option, sich freie Tage „herauszukaufen“. Wer hingegen schon vorher 90 % bekam – häufig Kolleg*innen in den unteren Entgeltgruppen im kommunalen Bereich – muss für dieselben drei freien Tage einen deutlich größeren Anteil der eigenen Sonderzahlung aufbringen. Ein Umverteilungsmodell in die falsche Richtung.

Vollends inakzeptabel wird es durch die bewusste Ausgrenzung ganzer Bereiche: Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser sind von der Wahlmöglichkeit komplett ausgeschlossen. Die offizielle Begründung – Personalmangel – wirkt zynisch. Ausgerechnet dort wäre Entlastung am dringendsten. Die Entscheidung, diesen Kolleg*innen jede Option auf mehr Zeitsouveränität zu verwehren, markiert eine weitere rote Linie, die überschritten wurde.

Was am Reißbrett als flexibel und fair erscheint, verstärkt in der Realität soziale Ungleichheit. Wer sich keine freien Tage „leisten“ kann, geht leer aus. Wer wenig hat, muss mehr geben, um das Gleiche zu bekommen. Und wer im falschen Bereich arbeitet, bekommt gar nichts. Dieses Modell spaltet – und untergräbt die Solidarität, die unsere Tarifpolitik eigentlich stärken sollte.

Und was bleibt?

Ein Ferientag ab 2027, einige Zulagenerhöhungen, eine mühsam zurechtgeschusterte Umwandlungsoption und eine „freiwillige“ Arbeitszeiterhöhung, die alles andere als harmlos ist. Fehlentwicklungen lassen sich rückgängig machen, heißt es beschwichtigend. Aber was ist, wenn sich die 42 Stunden erst einmal etabliert haben? Wenn der Druck, mitzumachen, Normalität geworden ist?

Dieser Abschluss ist keine Verbesserung. Es ist ein Spiel auf Zeit, mit einer offenen Flanke für Arbeitgeberinteressen. Der Preis: Unsere Gesundheit, unsere Freizeit, unsere Solidarität.

Und jetzt? Eure Stimme zählt!

Bis zum 9. Mai läuft die ver.di-Mitgliederbefragung – jetzt liegt es an uns. Die Bundestarifkommission (BTK) empfiehlt die Annahme des Ergebnisses, aber das muss nicht das letzte Wort sein. Noch ist nichts beschlossen.

In den nächsten Wochen geht es darum, genau hinzuschauen, zu diskutieren – und abzuwägen: Ist dieses Ergebnis wirklich das, wofür wir gestreikt und gekämpft haben? Reicht es, angesichts der realen Reallohnverluste, einer 27-monatigen Laufzeit und dem Einstieg in eine 42-Stunden-Woche? Ist das sozial gerecht? Oder verschärft es die Schieflagen im öffentlichen Dienst – zwischen Ost und West, zwischen den Entgeltgruppen, zwischen den Bereichen?

Diese Einigung ist kein Naturgesetz. Sie kann abgelehnt werden. Und vielleicht muss sie das auch – damit wir uns als Beschäftigte nicht dauerhaft mit einem faulen Kompromiss abfinden müssen, der die Türen für Arbeitszeitverlängerung, Entsolidarisierung und dauerhaften Druck öffnet. Wenn du das nicht willst, hast du jetzt die Möglichkeit, das zu zeigen: mit deiner Stimme.

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